Nebelnichts

Hunte im Nebel, Deutschland 2015
Hunte im Nebel, Deutschland 2015

Der Nebel ist grau und undurchdringlich und doch wattig-weich. Der Nebel ist eine Wand, durch die man hindurchgehen kann. Der Nebel hat kein Ende. Nicht vorne, nicht hinten, nicht rechts, nicht links. Einmal umgedreht, weiß man nicht mehr, woher man gekommen ist. Der Nebel ist ein Nichts, das uns verschluckt und uns unserer Sinne beraubt. Das Nichts ist überall. Wer das Nichts ergründen will, sagt der Philosoph Ludger Lütkekaus, muss sich Schritt für Schritt vom Sein verabschieden. Das ist sehr theoretisch. Kürzlich aber bot sich uns die Gelegenheit, diese These näher kennenzulernen.

Am letzten Tag der Saison hängt der Abschied vom Schiff und Leben als Wasserwanderer für einen langen Winter dick in der Luft. So wundern wir uns nicht über das düstere Grau, als wir um sechs Uhr morgens noch verschlafen im Hafen von Oldenburg ablegen. Wir kehren allerdings fast sofort wieder um, weil wir die nur wenige Meter entfernte Eisenbahnbrücke, unter der wir bei ablaufendem Wasser mit knappem Höhenabstand herfahren wollen, nicht mehr erkennen konnten. Um sieben Uhr kann ich sie von der Kade aus immer noch nicht sehen, auch nicht das Binnenschiff, dessen Motorgeräusche allerdings darauf hindeuten, dass es sich ganz in der Nähe befinden muss. Ich kaufe Croissants beim Bäcker und brühe frischen Kaffee fürs zweite Frühstück auf. Um neun Uhr sind immerhin die Lichter an der Brücke zu sehen, sonst nur Nebel und Nichts drum herum. Um elf Uhr lässt der Himmel ein paar blasse Sonnenstrahlen durch ein Loch in der Wolkendecke. Um halb zwölf schließlich legen wir wieder ab, die Ufer sind immer noch vernebelt, aber wir können wenigstens erkennen, ob uns ein Schiff entgegenkommt.

Wahrhaft schrittweise haben wir Abschied vom Nebel genommen, und auch vom Nichts, denn wir hatten uns die Zeit mit Plänen für die kommende Saison vertrieben. Der Winter dazwischen sollte kein Abschied vom Leben als Wasserwanderer sein.

 

 

 

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