Alles im Fluss oder Was ist Wasser?

Seit zwanzig Jahren bin ich auf dem Wasser unterwegs. Irgendwann war da einer im dunkelblauen Seemannspullover in mein Leben getreten und hat mich mit ihm näher bekannt gemacht. Während ich bis dahin vom Strand aus ehrfürchtig-angstvoll die heran rollenden Wellen beobachtet hatte, befand ich mich plötzlich auf einem Boot mitten unter ihnen und konnte mir schon bald nicht mehr vorstellen, nicht auf dem Wasser zu sein. Ich lernte die Meere, Flüsse und Kanäle in Deutschland und Europa kennen, aber auch die Schiffe mit ihren Menschen. Und so schön wie das aktive Erleben war, ich brauchte auch die schreibende und fotografische Auseinandersetzung mit meiner neuen Welt. Nach Büchern über Menschen (Kanalgesichter. Menschen zwischen Dortmund und Emden) und Schiffe (Schiffsbegegnungen an der Unterweser) sowie Gedanken über das Sitzen am Ufer im Blog bitte setzen ist nun das Wasser selbst ins Zentrum meiner Beobachtung geraten.

Was aber ist Wasser? Wir kennen Seen und Flüsse, Quellen und Meere. Wolken bestehen aus Wasser wie auch der Nebel und im Winter Eis und Schnee. Wir unterscheiden salziges und süßes Wasser, wir bezahlen für unser Trinkwasser und das, was wir nach Gebrauch wieder loswerden wollen. Wasser wird chemisch analysiert, politisch diskutiert und wirtschaftlich ausgebeutet. Bilder von einer Überschwemmungskatastrophe in den Fernsehnachrichten bringen uns ins Bewusstsein, wie urgewaltig Wasser sein kann und wie wenig wir es unter Kontrolle haben. Und es blitzt kurz in uns auf, dass wir, die Handelnden in der Welt, auch immer zugleich Betroffene sind.

„Water is always a personal experience, your relationship to water is your relationship to yourself“,

sagt die amerikanische Künstlerin Roni Horn, die sich sehr mit der Natur und dem Wasser auseinandersetzt. Haben wir eine Beziehung zum Wasser? Können wir überhaupt eine haben in unserer modernen, sachlich-technokratischen Welt? Und welche Bedeutung hat es für mich und für euch, die ihr das jetzt lest?

Wasseroberflächen habe ich schon oft fotografisch festgehalten. Aber in diesem Jahr hat es mich ganz besonders gereizt, das Wasser ganz einfach „pur“ abzulichten, ihm seine flüssige Wirklichkeit zu stehlen. Vielleicht, weil es auf unserer Reise in diesem Sommer so wenig Wasser gab und viele der Flüsse, die wir befahren wollten, nicht mehr genug Wasser mit sich führten. Mit einem Mal war das Wasser nicht mehr selbstverständlich.

Ob stiller See oder vom Sturm durchtost, ob morgens oder abends, ob blau oder grün. Es gibt Strukturen und Muster und die geheimnisvolle Welt der Reflexionen. Meine Wasser-Impressionen offenbaren Wesentliches wie scheinbar Unwichtiges und aus ihrer Abstraktheit ergibt sich oft ein völlig neues Bild. Seiner Umgebung entzogen ist das Wasser auf dem Foto nicht mehr das, was ich gesehen habe, als ich es fotografierte.

Alles fließt, das gilt nicht nur für das Wasser, sondern auch für meine Gedanken beim Betrachten der Wasserbilder. Manchmal scheinen sie ungeordnet, völlig verwirbelt, wasserfallartig aus der Feder fließen und in ferne, assoziative Welten zu führen. Aber Wasser ist geduldig, es nimmt auf, was wir hineintun. So ist alles wieder im Fluss.

Was aber denkt ihr, die Betrachter meiner wassertrunkenen Bilder? Wohin entführen euch eure Gedanken?

Was bedeutet Wasser für euch? Ich bin gespannt!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s